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Ultra Trail um den Mont Blanc oder „Die Revanche“
Ein Laufbericht von DUV-Sportwart Wolfgang Olbrich-Beilig
155 Kilometer - mit über 8500 Höhenmetern + - nonstop
Nach einigen Monaten erst komme ich dazu, meinen absoluten Jahreshöhepunkt 2004 zu schreiben. Die Gründe sind sehr vielfältig. Aber besser spät, als nie! Viel Spaß dennoch beim Lesen!
Nach einem Jahr Warten geht es endlich wieder nach Chamonix. Frank, Walter und ich fahren am Mittwochmorgen in Köln los. Nachdem Frank letztes Jahr bei KM 117, in Champex Lac und ich bei KM 42 in Les Chapieux ausgestiegen sind, wollten wir es diesmal endlich schaffen, die Gesamtstrecke unter die Füße zu nehmen. Walter hatte sich auch in diesem Jahr wieder bereit erklärt, uns während des Laufes zu betreuen.
Nach langer Fahrt erreichten wir gegen Abend unsere Unterkunft in Chamonix. Frank hatte sich wieder einmal als Quartiermeister hervorgetan und ein günstiges Appartement im Innenstadtbereich organisiert. Wir bezogen die Zimmer und betrachteten ehrfürchtig den Mont Blanc und die phantastische Gebirgswelt. Das erste mulmige Gefühl beschlich mich. Nachdem wir vom letzten Jahr her wussten, wie teuer das Leben in Chamonix ist, hatten wir diesmal besser vorgesorgt und sämtliche Lebensmittel für eine Woche mitgebracht. Natürlich inkl. dem wichtigsten Grundnahrungsmittel, dem Kölsch!:-)
Am nächsten Tag konnte man bereits im Eiszentrum von Chamonix die Startunterlagen abholen. Nachdem wir am Vormittag mit Walter die einzelnen Treffpunkte abgefahren waren, an denen er während des Rennes auf uns warten sollte, fuhren wir zur Startkartenausgabe. In diesem Jahr erfolgte eine Kontrolle der Pflichtausrüstung, bevor man sich die Startnummer abholen durfte. Glücklicherweise hatte uns das Kunibert Schmitz vorab telefonisch mitgeteilt, ansonsten hätten wir noch mal zur Unterkunft gemusst, da davon nichts in der Ausschreibung stand.

Startkartenausgabe und Rucksackkontrolle
Bei der Ausgabe wurde wieder ein T-Shirt ausgeteilt. Man kann wirklich sagen, dass bei diesem Wettkampf das Preis-/Leistungsverhältnis mehr als gegeben ist. Für die 70 Euro werden 44 Stunden Verpflegung und Streckenservice geboten, sowie ein ansprechendes Finishergeschenk von The North Face (hochwertig) an den jeweiligen Etappenorten. In diesem Jahr es sogar eine elektronische Zeit-/und Kontrollnahme durch einen Chip auf der Rückseite der Startnummer. Nach der Kontrolle und Vollzähligkeit meiner Ausrüstung musste man noch unterschreiben, dass man keine Dopingmittel (Wie war das jetzt mit dem importierten Kölsch?) genommen hat und die Pflichtausrüstung auch im Wettkampf mitführt. Dann zur Startnummernausgabe, Startnummer und letzte Infos abgeholt, T-Shirt anprobiert und noch schnell die Mini-Laufmesse begutachtet.
Am nächsten Tag lange Schlafen, noch schnell mal Les Houches besichtigt (erste VP), Mittagessen im Appartement und einen ausgiebigen Mittagsschlaf. So langsam wurden wir nervös. Das offizielle Briefing wollten wir uns schenken. Edgar Kluge, der seit gestern bei uns wohnte, ging hin und das war auch gut so, denn wir erfuhren, dass vor dem Start jeder Teilnehmer gescannt werden musste und daher ein entsprechender Vorlauf nötig sei. Also immer zu den Briefings!:-)
Wir machten uns langsam fertig, packten die Beutel für die 2 Etappenorte, an denen diese transportiert werden würden ( Courmayeur, bei KM 72 und Champex Lac bei KM 117). Die Beutel abgeben und anschließend zum Start. Der fand in diesem Jahr direkt vor dem Tourismusbüro statt, ca. 150 Meter von der Stelle des letzten Jahres entfernt.
Mit Walter hatten wir verabredet, dass er erst in La Fouly da sein müsse. Das wäre dann bei KM 100. Frank und ich waren der Meinung, dass es bis dahin aus eigener Kraft klappen müsse, um eine realistische Chance zu haben, den Lauf zu finishen. Ich war zunächst etwas skeptisch, da im letzten Jahr die VP´s zum Teil schlecht bestückt waren. Aber was solls, Frank hatte wohl Recht. Also hatte Walter nach dem Start erstmal bis zum späten Nachmittag des Folgetages Zeit und wollte diese für eine Bergtour nutzen. Wir kalkulierten ca. 20 Stunden bis La Fouly.
Dann standen wir am Start. Mit ca. 5 Minuten Verspätung erfolgte der Startschuss und wir setzten uns langsam in Bewegung. Frank und ich wollten versuchen, die erste Nacht zusammen zu laufen, wobei wir verabredeten, dass jeder sein Ding machen müsse, wenn das Tempo des anderen nicht passt.

Frank und ich vor dem Start
Es war schon beeindruckend. Weit über tausend Starter, die sich in der Abenddämmerung in Bewegung setzten. Frank und ich genossen den Start. Es ging durch Chamonix und dann in Richtung Les Houches. Hier sollte die erste VP sein und wir wussten, dass es unmittelbar danach das erste Mal steil bergan gehen sollte. Also ganz ruhig angehen, denn da macht man definitiv keine Zeit gut.

Abenddämmerung
Während dieser Strecke überholten uns Stefan, Markus und Wolli aus Köln. Auch Stefans Frau Andrea lief mit, wollte aber nur eine Teilwertung laufen. Wolli hatte sich die 117KM bis Champex Lac vorgenommen. Wir begrüßten uns fröhlich und ließen es laufen.
Nach der ersten VP mussten dann auf 5KM ca. 650HM+ bewältigt werden. Ich freute mich schon beim Beginn der Steigung auf die erstklassig ausgestattete VP auf dem Col de Voza (ca. 1653 Meter ü. NN). Echt lecker! Frank war am Berg einfach zu stark und der Gedanke, zusammen die erste Nacht durchzulaufen verabschiedete sich. Frank zog mit seinem Tempo davon und ich krabbelte den Berg rauf!:-)
Vom Col des Voza ging es dann runter nach Les Contamines (KM 24), auf ca. 1121 Meter ü. NN. Dort war die 2. große VP und es gab dort das erste Zeitfenster, welches man einzuhalten hatte (bis 02:00 Uhr). Hier hatte ich ein absolut mulmiges Gefühl, da ich mir im vergangenen Jahr hier die Bänder gerissen hatte und bei KM 42 aussteigen dann musste. Kurz vor Les Contamines überholte mich Andrea. Ihr schien es gut zu gehen und sie lief leichtfüßig und fröhlich an mir vorbei. An der VP selber wartete Frank und wir wollten doch versuchen, wieder ein paar Km zusammen zu laufen. Andrea schloss sich an und es ging weiter. Bis KM 28 läuft man entspannt flach an einem Bach entlang. Die beiden waren mir eindeutig einen Tick zu schnell und ich ließ sie ziehen. Schließlich wusste ich ja, was gleich kommen sollte. Ab KM 28 waren auf einer Länge von ca. 9 KM weitere 1250HM+ zu überwinden. Also Wolfgang, bleib locker!
Die dritte größere VP in La Balme, bei KM 32, wurde wieder ausgiebig genossen. Hier hatte man einen herrlichen Nachtblick auf die mit Stirnlampen ausgestatteten Teilnehmer. Mein Gott, so viele Verrückte! :-)) Der Blick nach oben war dann allerdings eher ernüchternd!
Bei KM 37 war dann Croix Bonhomme erreicht (ca. 2479 Meter ü. NN). Im letzten Jahr habe ich mir in der dortigen Hütte ein heißes Süppchen genehmigt, weil es damals s…..ehr kalt gewesen ist. Aber mir ging es diesmal richtig gut und ich wollte nach der dortigen Kontrolle gleich weiter. Es ging nun bergab nach Les Chapieux, bei KM 42 (ca. 1549 Meter ü. NN). Dort müsste ich letztes Jahr aussteigen. Aber auch das hatte zurückblicken sein Gutes. Lernte ich doch dort Elisabeth und Bernhard kennen. Dieses Jahr genoss ich den „Einlauf“ dort und labte mich an warmem Essen und, ja genau, lecker Bier!:-)
Aber was ist, wenn man wieder die ganzen Höhenmeter runter gelaufen ist? Genau, jetzt ging es wieder bergauf zum Col de la Seigne (ca. 2516 Meter ü. NN). Diesmal als knapp 1000HM+ auf ca. 11 KM. Der Col de la Seigne ist gleichzeitig die Grenze nach Italien.

Herrlich!
Beim Bergablaufen wurde es langsam wieder Tag und es bot sich ein berauschendes Panorama. Bis Lac Combal, bei KM 59 ging es wieder ca. 500 HM runter auf 1975 Meter ü. NN. Dort war die nächste größere VP. Der Nachteil: Danach ging es auf ca. 2 KM wieder hoch auf ca. 2435 Meter ü. NN, zu Arète Mont Favre. AUA!!!
Jetzt ging es bis KM 72, Courmayeur bergab. Einziger Wehrmutstropfen bei idealem Laufwetter und Bergsicht: Die Verpflegungsstelle am Col Chécroui. Dort gab es neben der üblichen Läufernahrung noch eine Ansammlung verschiedener italienischer Weine, Brot und mind. 6 verschiedene Käsesorten. Ich nahm jedenfalls erstmal Platz! :-)) Meine Güte, hat das Überwindung gekostet, hier wieder weg zu gehen. Folter pur!!!
Dann kam Courmayeur. Da man hier auch mit Wertung aussteigen konnte, somit quasi der erste Zieleinlauf. Alles war super vorbereitet. Ich fand schnell meinen hier hinterlegten Sack mit Duschzeug und Wechselklamotten und genoss die Dusche und die frischen Sachen. Auch war ich froh, andere Laufschuhe anzuziehen und die abgetapten Stellen neu zu pflastern und die Scheuerstellen mit Vaseline neu einzureiben. Frisch geduscht ging es dann zur Verpflegung! Oh Mann, alleine dafür musste man den Lauf einfach mitmachen! :-) In diesem Jahr gab es wirklich nichts an der Verpflegung auszusetzen! Einfach Klasse. 2 kleine Flaschen Bier hinterher und der Elektrolythaushalt stimmte wieder! :-))
Es ging mitten durch den Ort und die Leute klatschten und riefen uns Mut zu. War richtig zum Genießen! Dann sollte aber mit dem Genuss schnell wieder Schluss sein. Denn nun ging es von 1226 Meter ü. NN auf 3 KM hoch auf 2022 Meter ü. NN. Die ganze Frische der neuen Klamotten und der Dusche waren dahin! Auf Refuge Bertone, KM 75, wurde noch mal ausgiebig Wasser getankt und dann ging es recht wellig durch die schöne Bergwelt Italiens. Ab Lavachey, KM 83, ging es dann von 1690 Meter ü. NN auf 2537 Meter ü. NN auf den Grand Col Ferret, bei KM 90. Hier wurde die Grenze zur Schweiz passiert. Die nächsten 10 KM ging es ständig stark bis leicht bergab nach La Fouly. Ich freute mich auf schon auf Walter, der dort auf mich warten sollte. Mir ging es immer noch ausgezeichnet und ich genoss das Wetter und die herrlicher Aussicht. In La Fouly traute ich meinen Augen nicht. Nicht nur Walter war dort, sondern auch Frank. Er musste bei KM 80 aussteigen, weil er sich eine starke Knochenhautreizung zugezogen hatte und nicht mehr laufen konnte.

Und noch ein kleiner Einblick!
Die beiden machten mir ein paar leckere Spaghetti auf dem Gaskocher und es gab diverse mitgebrachte Leckereien.
Und weiter ging es in Richtung Issert, weitere 10 KM bergab. Also, im Nachhinein waren das die angenehmsten 20 KM des ganzen Laufes. Hier wurde es langsam dunkel und die nächsten Anstiege folgten. Von Issert aus waren auf 4 KM ca. 400HM+ zu überwinden. Hier überholte ich Anke Drescher, die scheinbar ein paar Probleme hatte, aber dennoch den Lauf finishte. In Champex d´en Bas war die nächste Möglichkeit, den Lauf mit Wertung zu beenden. Es war mittlerweile stockduster und ich war plötzlich ziemlich müde.
Trotzdem wollte ich mich nicht hinlegen. Ich duschte mich hier und zog mir frische und wärmere Klamotten für die Nacht an. Denn es gab ab hier wieder einige Pässe zu „erklimmen“. Und ich traf hier meine wohl beste Entscheidung des Laufes. Ich zog mir richtige Wanderschuhe an und beschloss, die ganze Nacht nur noch zu wandern.
Also weiter! Angefeuert und motiviert durch Frank und Walter durch die zweite lange Nacht. Auf den nächsten 5 KM zum Fermes de Bovine waren erneut ca. 700HM+ zu überwinden. Es gibt über sehr schwer gehbare Wanderwege und es gab auch mal den ein oder anderen Gebirgsbach zu überwinden. Aufgrund der Müdigkeit und der Wege war das hier wohl das anspruchvollste Stück. Auf fermes de Bovine, bei KM 122, gab es heiße Suppe, welche während der Nacht meine Lieblingsverpflegung werden sollte, Es war recht kalt und die heiße Suppe tat richtig gut. Dann ging es von 1987 Meter ü. NN auf 7 KM wieder runter auf 1279 Meter ü. NN, nach Trient, bei KM 129. Hier erfolgte bei Trient wohl das ätzendste Stück der Strecke es ging querfeldein auf einer Wiese runter. Ich schätze ca. 100 HM auf dem Hosenboden nach unten, um dann dort unten zur VP nach Trient „zurück zu Wandern“!
Was habe ich mich hier geärgert. Das war wirklich nicht nötig und gefährlich. In Trient wartete Walter und baute mich wieder etwas auf. Ich war mir mittlerweile sicher, dass ich den lauf finishen konnte. Ich war gut 4 Stunden vor den Cut offs und nur noch 26 KM bis ins Ziel. Nach Trient ging es mal wieder bergauf. Hier waren auf ca. 5 KM etwa 700HM+ überwunden. Die taten mittlerweile richtig weh! Auf dem Weg nach unten wurde in Les Essert, bei KM 136, wieder die Grenze nach Frankreich passiert.
Es ging nun weiter bergab nach Vallorcine, bei KM 139, auf 1260 Meter ü. NN. Walter wartete hier wieder auf mich und da es mittlerweile wieder hell war, wechselte ich wieder auf die Laufschuhe.

Schön, was!
Es ging nun nur noch einmal über eine Höhe von 1670 Meter ü. NN, bei KM 148 (Sentier des Gardes). Ich weiß ja nicht, aber ich bin der Meinung, dass man sich bei den letzten 15 KM irgendwie mit dem profil vertan haben muss. Bis dahin konnte man sich darauf wirklich gut verlassen! Aber der Rest …..
Naja, was soll’s! Dann ging es irgendwann runter nach Chamonix. Ich war mittlerweile total platt. Am Ortseingang durchlief mich ein Kribbeln, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ich begann zu laufen nd überall wurde gejubelt. Vor dir keiner, hinter dir keiner! Alle jubelten dir zu. Ich lief gegen Mittag ein und die Stadt war dementsprechend voll. Brust raus, Bauch rein und genießen. Noch nie hatte ich ein solches Glücksgefühl beim Zieleinlauf! Besser als der erste Marathon oder das Finish in Biel. Alle waren da, Kuni, Frank und Walter. Im Ziel wurde der Name aufgerufen, Offizielle umarmen und beglückwünschen dich, einfach geil (ich benutze diesen Ausdruck sonst nie!)!!!
Ich bekam mein Finisher-Sweat-Shirt, trank noch die beiden leckersten Biere meines Lebens und wankte zur Unterkunft.

Im Ziel!!!
Am Abend erfolgte in einem der besten Hotels am Platze das offizielle Abschlussbuffet und die Siegerehrung. Essen und Trinken vom Feinsten und Stolz geschwellte Brust meinerseits.
Fazit: Ein absolutes Berghighlight!! Ich habe mich noch nie über 40 Stunden am Stück so quälen müssen und habe beim Lauf noch nie ein solches Glücksgefühl erlebt, wie teilweise auf der Strecke und noch nie so sehr, wie bei dortigen Zieleinlauf. Die Organisation war nahezu perfekt und die Verpflegung klasse. Nur etwa 30 Prozent der Starter erreichten das Ziel! Gewonnen hat Vincent Delebarre in 21:12h, vor dem Vorjahressieger Dachhiri-Dawa Sherpa und bei den Damen Colette Borcard, in 26:14h, vor Martina Juda.
Und nach dem derzeitigen Stand werde ich wohl wieder gemeinsam mit Frank am Start 2005 stehen!
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