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Treppen-Ultra-Marathon 2008 in Radebeul Drucken E-Mail
Geschrieben von: DATA-WebService   

Mit 16:21 h wurde René Zweiter beim Treppen-Ultra-Marathon 2008 in Radebeul. Hier ist sein Bericht...

Zwischen Karl May Museum und dem Dach der Welt

Eigentlich trage ich den Gedanken einer Teilnahme am Treppenlauf schon seit deren Premiere mit mir herum. Bei der zweiten Auflage haben wir immerhin ein paar Stunden zugeschaut, um herauszufinden, ob ich diese Strapaze brauche. Fazit des Besuchs: ja, ich brauch’ so was!
Dieses Jahr habe ich den Termin am 18/19.04 festgeklopft. Sonst könnte man ja meinen, ich versuche mich davor zu drücken.

Am Freitagabend fahren Angie und ich nach Bautzen in meine alte Heimat. Bei der Durchquerung des Elbtals in Dresden kann man wunderbar von der Autobahn aus den Weinberg mit der hell erleuchteten Laternenkette der Spitzhaustreppe sehen. Tolle nächtliche Einstimmung, denn die meiste Zeit werde ich im Dunklen laufen.

Am Samstag zwischen 14 und 15 Uhr trudeln die Teilnehmer in der kleinen Zeltstadt am Spitzhaus am oberen Ende des Weinberges ein. Bei herrlichem Wetter hat der Besucher von hier aus einen riesigen Ausblick über Radebeul und Dresden. Der Ausblick ist leider aber nicht vorhanden, denn wir haben kein schönes Wetter. Der Tag bleibt grau und der Himmel erleichtert sich. So starten wir Punkt 16 Uhr gut verpackt zu unserem etwas ungewöhnlichen Doppelmarathon. Es gilt die Treppe mit 397 Stufen 100-mal runter und natürlich wieder rauf zu laufen. Wer zu den offiziellen Zieleinläufern gehören will, muss die 84,390 km mit den 8848 Bergaufmetern innerhalb von 24 Stunden bewältigen. Klingt großzügiger, als es tatsächlich ist.

Am Ende des 4 Frau- und 46 Mann starken Feldes (auf 50 Läufer limitiert) startend, bewege ich mich verhalten die Stufen hinunter. Ich will die ersten Auf- und Abgänge dazu nutzen, ein Gefühl für die richtige Geschwindigkeit zu entwickeln. Am unteren Ende der Treppe rennt die Läufermeute auf einer Anliegerstraße 150Meter bergab zum Wendepunkt, der übrigens 24 Stunden lang vom THW bewacht wird, und wieder zurück zur Spitzhaustreppe.

Angie zieht es vor zu betreuen, als sich dieser Tortour auszusetzen. Sie hat sich dazu am oberen Wendepunkt häuslich eingerichtet. Wir haben Utensilien angeschleppt wie zu anderen 24-Stunden-Läufen auch, wobei ich hoffe, diese Zeit nicht ausschöpfen zu müssen.

Trotz des Dauerregens gebe ich meine Regenjacke schon nach drei Aufgängen bei Angie ab. Puuh, dass es so schnell warm werden kann. Angie macht in der Anfangsphase noch etliche Fotos bevor es dunkel wird, der Verpflegungsrummel beginnt und ich nicht mehr so gut aussehe. Nach recht kurzer Zeit hat sich das Teilnehmerfeld auf der kompletten Strecke verteilt. Da eine Runde nur 844 Meter lang ist beginnen schnell die Überrundungen. Der Überblick über die Rangfolge geht rasch verloren. Ich habe mich eingerollt, mit gleichmäßigen Rundenzeiten renne ich so ca. 3 Stunden rauf und runter. Mehr als 20 Aufgänge im Laufschritt schaffe ich nicht. Gehen erweist sich als gute Alternative. Ich ahne schon, was das für eine Quälerei werden kann, wenn ich nicht rechtzeitig reagiere. Das übrige Rennen werde ich die die Treppe rauf gehen, das Stück Strasse laufen und die Treppe runter immer 2 Stufen nehmend springen. Ob das mein Bewegungsapparat aushält, weiß ich hinterher.

Den Regen nehme ich schon lange nicht mehr wahr. Der Kurs ist in der Nacht beleuchtet, dennoch sind einige Treppenabsätze Schatten werfend etwas tückisch. Stolpereinlagen sind bei Nässe und Dunkelheit nur durch höchste Konzentration zu vermeiden. Kurz bevor ich meinen ersten Marathon, sprich 50 Runden, absolviert habe, überkommt mich die Müdigkeit. Ich beschließe nach dem ersten Marathon eine Pause einzulegen. Ich wechsele die komplette Garderobe und werde von Angie mit Selbstgekochtem verwöhnt, diese 15 Minuten sind prima investiert. Da die Hälfte der Distanz schließlich noch vor mir liegt und ich das Gefühl habe, dass alle Muskeln schon betonhart sind muss ich mir für die Motivation etwas einfallen lassen. Die beste Idee dazu: ich gönne mir noch mehr Pausen. Im Stile des Belohnungsprinzips verwöhne ich mich nach jeder 10. Runde mit einer Sitzpause und einer warmen Mahlzeit für 6 bis 8 Minuten. Somit überstehe ich ohne weitere Schlafattacken die Nacht. Die Pause nach der 90sten Runde jedoch muss leider ausfallen. Ich muss weiter, habe keine Zeit. Eingangs der 89. Runde verkündet der wiedereinsetzende Moderator, dass der an zweiter Position laufende Steffen Clauss nur eine halbe Treppenlänge vor mir liegt. Hellwach und mit Adrenalin durchströmt beginne ich die Jagd. Angies guten Rat ignorierend, „mach’ langsam, es sind noch 10 Runden!“ nehme ich Steffen sogar noch zwei volle Runden ab.

Für mich dauert das masochistisch anmutende Erlebnis 16:21h. Selbst einige Zeit nach dem Zieleinlauf kann ich nur schwer realisieren, dass das jetzt EIN Marathon mit 8848 Höhenmetern war, denn der zweite Marathon ist ja der Abstieg vom Mt. Everest. Ich verkneife mir jede geistige Projizierung der Strecke in das Gelände des Himalaya.

Die 3malige Siegerin Ulrike Baars aus Dresden ist in wahnsinnigen 17:43h 4. des Gesamtfeldes geworden. Bei den Männern siegte souverän Stefan Ungermann in 15:32h.

Großes Lob gebührt den Organisatoren, die an alles gedacht haben und keine Pannen zu beklagen hatten. 24 Stunden lang haben Sanitäter auf die Läufer aufgepasst, gab es warme Küche, sogar für Besucher und Betreuer und WCs an der Strecke.
Außerdem hervorzuheben ist die ausgeprägte Fairness unter den Teilnehmern, die bei den unzähligen Begegnungen und Überholvorgängen sehr rücksichtsvoll miteinander umgegangen sind. Alle Finisher, die die für Kopf und Körper wirklich brutale Leistung vollbracht haben, können nun ihre Namen jahrelang am Gipfelkreuz auf dem Weinberg lesen.
Auch dieser Muskelkater vergeht, sorry, mehr hab’ ich nicht abbekommen und der Stolz bleibt.
Tipp für Interessierte: Treppenlauf-Übungen können nicht schaden, ultralange Erfahrungen auch nicht.

René Strosny, 26.04.08 - die folgenden Fotos sind von Angela Ngamkam, natürlich hat die Veranstaltung auch eine Homepage.

 

 
 
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